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Auf der Suche nach dem Spiel. EM-Tagebuch (1)

Credit: jakkapan21, Getty Images über Canva Pro Lizenz.

Die Nationalteams der verschiedenen Länder haben ihre Vorbereitung auf die EM größtenteils beendet und ich auch. Bevor am Mittwochabend endlich angepfiffen wird, ist also kurz Zeit über Charme und Schwierigkeiten bei der Informationssuche zu sprechen.

Testspiele gucken, aber wie?

Es ist Juni und kurz vor der Europameisterschaft. England hat ein Testspiel gegen Österreich, ich will beide noch vor dem Turnier einschätzen. Streamingdienst eingeschaltet, ich mache meine Notizen. Ich habe eine begrenzte Zeit, mich durch das Re-Live zu klicken, falls ich Szenen nochmal genauer anschauen möchte. Außerdem gibt es noch am selben Tag zig Artikel, alles kein Problem.

 

Ein Jahr später ist es wieder Juni und kurz vor der Europameisterschaft. England testet gegen die Niederlande. In meinem Land hat keiner der Anbieter eine Übertragungslizenz, in England läuft das Spiel im Fernsehen, es gibt auch einen Livestream. Ich werfe meinen VPN an, um das Geoblocking zu umgehen, und schaue rein, aber so richtig will es mit der Verbindung an dem Tag nicht klappen und irgendwann gebe ich auf.

 

Einen Tag später lädt jemand das komplette Spiel bei YouTube hoch, also schaue ich es da. Die Bildqualität ist okay, aber für Details wie die Fußhaltung reicht es in manchen Szenen nicht.

 

Dafür interessiert sich offenbar niemand von Bedeutung für das illegal hochgeladene Video, was für mich heißt, dass ich in den nächsten Tagen immer wieder Dinge nachschauen kann, für die es keine Hochauflösung braucht. Der Unterschied? Das erste Beispiel war ein Spiel der Männer vor der EM 2021, das zweite eines der Frauen vor der anstehenden EM 2022.

"Hat wer einen Link für mich?"

Wer auch nur ein kleines bisschen in dieser unserer Fanbubble drinsteckt, kennt das Problem natürlich und wer journalistisch arbeiten möchte sowieso. Denn machen wir uns nichts vor: Redaktionen für einen Spielbericht von vor Ort über das eigene weibliche Nationalteam zu überzeugen und das Privileg von Reisemöglichkeit und Akkreditierung zu haben, ist eine Sache.

 

Einen Spielbericht über das Freundschaftsspiel einer anderen Nation, selbst ohne Reise? Vergiss es. Aber irgendwoher müssen die frischen Eindrücke, die dann zu Einschätzungen in irgendwelchen Texten führen, ja schließlich kommen.

 

International vergebene Übertragungslizenzen gibt es kaum und bei Testspielen sowieso nur die Übertragungen der jeweiligen beiden Länder – in manchen Fällen auch nicht mal das.

 

So ein bisschen was hat sich da in den letzten Jahren schon getan, es ist aber aus Fansicht nicht immer eine rein positive Entwicklung. Denn vieles landet hinter einer Paywall und es sind nicht immer die Anbieter, die man sowieso nutzt. Kann man sich dann einen weiteren leisten? Lohnt sich das?

 

In den Nullerjahren und bis in die 2010er-Jahre, also eigentlich vor noch gar nicht so langer Zeit, war es völlig normaler Teil der Internetkultur sich seine Serien, Filme und Fußballübertragungen irgendwie im Netz zusammenzusuchen. Die Frage „Hat wer nen Link für mich?“ verbinde ich sehr stark mit dieser Zeit. Naja, und eben mit Frauenfußball.

Die falsche Zielgruppe

Natürlich sollen Rechteinhaber*innen fair bezahlt werden, das verlange ich für meine eigene Arbeit schließlich auch. Ich bin aber auch ein großer Fan von Zugänglichkeit zu Informationen, manche Entwicklung finde ich deshalb absurd. Verbände, die oft kaum etwas dafür tun, überhaupt auf ihre Spiele aufmerksam zu machen, aber dringend ein Publikum aufbauen sollten, schließen vermehrt Verträge mit Pay-TV-Anbietern ab.

 

Der Männerfußball hingegen hatte eine lange Vorlaufphase und durfte sich ungehindert entwickeln. Die Spiele, die übertragen wurden, waren relativ frei zugänglich. Wenn nicht im Fernsehen, dann im Radio. Teile des bereits großen Publikums zogen nach und der Männerfußball hatte eine ganz andere Basis zu wachsen.

 

Nun muss sich heute niemand mehr an Pay-TV gewöhnen, weil es das schon lange gibt, aber ideal ist es nicht. Fraglich ist da auch die Zielgruppe: In Deutschland richtet sich das Marketing des DFB größtenteils an sehr junge Menschen, sie haben häufig noch gar kein eigenes oder nur ein geringes Einkommen. Familien mit Kindern haben oft völlig andere Prioritäten, als sich zusätzliche Ausgaben mit Spartenanbietern zu schaffen. Nur mal so als Denkanstoß.

Mehr Dänisch wagen

Von all dem abgesehen muss ich aber sagen, dass ich dieses Wühlen nach Spielaufzeichnungen in den letzten Wochen sehr gerne mochte, mir macht so etwas Spaß. Klar, es ist schonmal zeitaufwändig und umständlich (vor allem, wenn man die Suche nach Informationen auf den teilweise abenteuerlichen Verbandswebsites miteinbezieht).

 

Aber es ist auch sehr schön, Spiele mit Kommentar in Landessprache zu gucken. Ich spreche kein Niederländisch oder Dänisch, aber den ein oder anderen Satz verstehe ich auch so, so halbwegs, und dann freue ich mich kurz.

 

Man hört mal die richtige Aussprache der ganzen Namen, die sonst eingedeutscht oder verenglischt werden. Man sieht, mit wie viel oder wenig Mühe woanders eine solche Sendung gemacht wird. Und durch all das schnappt man dann ein bisschen mehr von der Stimmung um all die Nationalteams auf.

 

Auf eine gewisse Art könnte es also gar keine bessere Vorbereitung auf so eine Europameisterschaft geben. Zumindest, solange man sich nicht über den halben Kontinent durch alle Stadien teleportieren kann.

Zahl des Tages

Die Saison 2021/2022 der englischen Women’s Super League war die erste mit dem neuen TV-Deal.

Die BBC zeigt eine Partie pro Spieltag, Sky UK zwei, die restlichen sind international mit dem FA-Player empfangbar.

34,05 Millionen Zuschauer*innen schalteten insgesamt ein. In der Saison davor waren es noch 8,83 Millionen.

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Gesamt-Zuschauer*innen

Empfehlungen des Tages

  • Du wünschst dir eine Art Fernsehzeitung für den weltweiten Frauenfußball? Womensoccertv.info ist eine super Übersicht und die Links gehen alle zu den offiziellen Anbietern. Unverständlich, dass das nicht viel bekannter ist, die Betreiber*innen verdienen sehr viel Liebe.
  • Hat nicht direkt was mit Fußball zu tun, aber ohne das Übersetzungstool deepL wäre ich die letzten (und wohl auch den kommenden) Monat komplett verloren gewesen. Bis zu 5000 Zeichen in der kostenlosen Version und den Qualitätsunterschied zu Google merkt man sofort.
  • Auch in der Rasenfunk-Vorschau auf die EM haben wir kurz über Lust und Leid bei der Recherche gesprochen. Vor allem aber bekommt ihr dort einen tollen Überblick über das, was wir damit an Sportlichem rausgefunden haben, es gibt an jedem Spieltag einen Kurzpass und zu deutschen Spielen die Schlusskonferenz.
  • Wer lieber lesen möchte (oder beides kombinieren) sollte sich unbedingt die Gruppen-Vorschauen von Justin Kraft anschauen. Hier geht es zum Text über die deutsche Gruppe B. Auch bei ihm im Blog wird es ein EM-Tagebuch geben.
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