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Nerven aus Stahl. EM-Tagebuch (6)

Sheffield United 1024
Tribüne der Bramall Lane des Sheffield United FC von der Seite mit dem Motto "Forged in Steel" neben dem Vereinslogo. © Ani_snimki | Dreamstime.com

Wie war gestern so treffend auf Twitter zu lesen: Die Gruppe C ist das, was die meisten von der Gruppe B erwartet haben, nämlich zumindest bis jetzt pures Chaos. Sowohl Portugal als auch die Niederlande zeigten sich nervenstark. Ansonsten rücken leider Verletzungen und auch die Pandemie gerade immer weiter den Vordergrund des Turniers. In den Empfehlungen wird es heute historisch, denn in England möchte man während der EM die vergessene Geschichte des Frauenfußballs in England sichtbar machen.

Die Gruppe C steht Kopf

Weil alle Teams nur einen Punkt haben, wird die Tabelle gerade von Portugal und der Schweiz angeführt. Bei den Niederlanden und Schweden spricht man nach dem 1:1 auf beiden Seiten von einem guten Ergebnis, es klingt durch, dass man die nächsten beiden Spiele schon gewinnen werde. Das mag für die Partien gegen die Schweiz so stimmen. Sie wirken nicht nur verunsichert, sondern auch außer Form, auch wenn so ein Eindruck von außen natürlich komplett falsch sein kann.

 

Ich bin mir aber nicht so sicher, ob es gegen Portugal so einfach wird, wie gedacht. Sicher, auf dem Papier gewinnen auch das die Niederlande und Schweden locker. Allerdings fand ich beide gestern sehr zaghaft in ihren Angriffsbemühungen und dass die Portugiesinnen sich nicht leicht unterkriegen lassen, hat man gestern gesehen.

 

Ich fand die Partie in der ersten Hälfte nicht gut anzuschauen, es gab sehr viele Unterbrechungen durch kleine Nickeligkeiten. Das wurde aber durch die dramatische Schlussphase mit Chancen auf beiden Seiten wettgemacht. Bei Portugal gab es nach der Pause einige taktische Anpassungen, die dafür sorgten, dass sie viel früher Zugriff auf das Schweizer Spiel bekamen.

 

Auch wenn es am Ende vermutlich nicht für das Weiterkommen aus der Gruppe reichen wird, kann man hier nur hoffen, dass diese Lust auf Fußball und daran, die Gegnerinnen so richtig zu ärgern auch im Heimatland ankommt. Es gibt einige Talente im portugiesischen Fußball, aber sie benötigen bessere Bedingungen für ihre Arbeit.

Der letzte Punch fehlt

Beim Spiel Niederlande gegen Schweden hatte ich den Eindruck, dass beide technisch zu gut waren, für das, was die andere Seite ihnen defensiv entgegensetzte. Beide pressten erst ungefähr ab der Mittellinie und gingen auch nicht mit voller Wucht drauf, sondern legten (im Vergleich zu Deutschland) mehr Wert auf die Abdeckung der entscheidenden Räume.

 

Das reichte, um Spaziergänge durchs Mittelfeld zu verhindern, aber die technisch versierten Spielerinnen auf beiden Seiten konnten sich immer wieder mit kurzen Drehungen und Dribblings befreien. Jacke Groenen war hier für mich besonders auffällig. Dadurch ergab sich ein etwas merkwürdiges Spiel, das Niveau war sehr hoch, aber es fehlte der letzte Punch auf beiden Seiten.

 

Bemerkenswert fand ich auf jeden Fall, wie nervenstark die Niederlande mit dem Spielverlauf umgingen. Ein anderes Team wäre nach zwei Verletzungen und Rückstand vielleicht in sich zusammengefallen oder hätte sich rein aufs Verteidigen verlegt. Es war aber besonders nach der Pause klar zu erkennen, dass man zumindest den Ausgleich wollte. Die junge Torhüterin Daphne van Domselaar und ihre gute Leistung im erst zweiten A-Länderspiel kann man hier gar nicht oft genug hervorheben.

Das Thema Gesundheit

À propos Gesundheit. Neben den Verletzungen, die es im Turnier schon gab, rückt auch die Pandemie immer mehr in den Vordergrund. Heute wurde nämlich auch noch gemeldet, dass Mittelfeldchefin Jackie Groenen positiv auf Corona getestet wurde und sich erst einmal in Isolation begeben muss.

 

Sie ist nicht der erste Fall. Die Sportschau hat in diesem Artikel die bisherigen Covid-Fälle während der EM gesammelt, nach aktuellen Stand sind es vier betroffene Spielerinnen während des laufenden Turniers. Bis jetzt halten sich die Fälle zwar noch in Grenzen, ich finde es aber nach wie vor absolut unverständlich, dass die Anzahl der Kaderspielerinnen nicht auf 26 erhöht wurde, so wie es bei der EM der Männer im letzten Jahr der Fall war und auch bei der WM dieses Jahr wieder der Fall sein wird.

 

Auch verletzungsbedingte Ausfälle gibt es aus verschiedensten Gründen schon einige, ich versuche das in meiner Kaderübersicht so gut wie möglich dokumentieren, bin da aber auch immer dankbar für Hinweise. Max-Jacob Ost hat außerdem extra für die EM einen neuen Kopfverletzungs-Thread gestartet. Sehr bitter, dass das nötig ist.

Empfehlungen des Tages

  • Wer während der EM Zeit in Sheffield verbringt, sollte unbedingt die Central Library am Tudor Square besuchen, in der Bibliothek gibt es nämlich eine Ausstellung zur Geschichte des Frauenfußballs in der Umgebung.
  • Generell gibt es im Rahmen der Europameisterschaft sehr lobenswerte Bemühungen, die Geschichte des Frauenfußballs in England sichtbar zu machen: “For the very first time, information about every England player, captain, goal scorer and match score since 1972 will be researched, recorded and shared […]. Hosted on England Football’s website the record will continue to be updated, ensuring future female players are part of the nation’s footballing story. The project will particularly explore the role of the LGBTQ+ community.” Danke für beide Tipps an Antje Schröder!
  • Justin Kraft schreibt bei sich in den EM-Notizen über die gestrigen Spiele und die unwürdigen Übertragungen.

Fotocredit: Tribüne der Bramall Lane des Sheffield United FC von der Seite mit dem Motto “Forged in Steel” neben dem Vereinslogo. © Ani_snimki | Dreamstime.com